Digitale Unterdrückung: So schalten Staaten das Internet aus

18. Januar 2026
„The Internet interprets censorship as damage and routes around it."
— John Gilmore

Digitale Unterdrückung: So schalten Staaten das Internet aus

Internetabschaltungen sind die härteste Form der Internetzensur. Sie blockieren nicht nur einzelne Seiten oder Dienste, sondern alle Wege moderner Kommunikation.
Laut dem zivilgesellschaftlichen Bündnis "Keep it on" gab es im Jahr 2024 fast 300 Internetabschaltungen in 54 Ländern – Tendenz steigend. Die Zahlen zeigen einen dramatischen Anstieg: von 78 Abschaltungen im Jahr 2016 auf 296 im Jahr 2024.

Die verschiedenen Formen der Abschaltung

Internetabschaltungen basieren auf unterschiedlichen technologischen Maßnahmen und politischen Voraussetzungen. Die Übergänge von klassischer Zensur bis hin zur kompletten Abschaltung sind fließend.

Blockade einzelner Dienste

Die einfachste Form ist die Blockade oder Zensur von Webseiten, Messengern und sozialen Medien. Bei lokalen Protesten greifen Länder wie der Iran zudem auf temporäre und regionale Teilabschaltungen des Mobilfunks zurück. Sie erhoffen sich so, Mobilisierungen und Nachrichtenfluss zu erschweren und Proteste regional einzudämmen.

Drosselung der Bandbreite

Eine weitere Methode ist die Drosselung des Internets. Hierbei wird die verfügbare Bandbreite künstlich begrenzt. Ziel ist, dass sich Videoaufnahmen, Bilder und Kommunikation verlangsamen und sich so demobilisierende Effekte in der Bevölkerung einstellen.

Kompletter Internet-Shutdown

Die härteste Form ist die landesweite Aufhebung jeder Konnektivität, so wie sie im Januar 2026 im Iran geschehen ist. Hierbei wird in Kauf genommen, dass das wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Leben fast vollkommen zum Erliegen kommt. Diese Form der Abschaltung lässt sich deswegen nicht lange durchhalten – außer dem Regime steht ein funktionierendes landesweites Intranet zur Verfügung, das es kontrolliert und das die wirtschaftlichen und institutionellen Folgen abfedern kann.

Wie gehen die Abschaltungen technisch?

Die technische Umsetzung von Internetabschaltungen variiert je nach Methode und Ziel. Im Falle des Iran im Januar 2026 zeigt sich, wie schnell und effektiv ein kompletter Shutdown durchgeführt werden kann.

BGP-Routing-Manipulation

Im Falle des Iran im Januar 2026 berichtet das US-Unternehmen Cloudflare, dass der Internet-Verkehr in und aus dem Iran am 8. Januar auf praktisch Null gesunken ist.
Die großen iranischen Netzwerk-Anbieter haben aufgehört, dem Rest des Internets mitzuteilen, auf welchem Weg ihre IP-Adressen zu erreichen sind.

Um 15:20 Uhr Ortszeit sank demnach die Menge von iranischen Netzwerken bekannt gegebener IPv6-Adressen um 98,5 Prozent von über 48 Millionen /48-Netzblöcken auf knapp über 737.000 /48-Netzblöcke. Ein Rückgang des gemeldeten IP-Adressraums bedeutet, dass die meldenden Netzwerke der Welt nicht mehr mitteilen, wie diese Adressen zu erreichen sind.
Innerhalb von einer halben Stunde wurde so das Land fast vollständig vom globalen Internet abgeschnitten.

Diese Methode nutzt das Border Gateway Protocol (BGP), der Teil des Routing-Protokolls des Internets, welches autonome Systeme miteinander verbindet. Indem iranische Internet-Service-Provider (ISPs) ihre Routen zurückziehen – also aufhören, anderen Netzwerken mitzuteilen, wie ihre IP-Adressen erreichbar sind – verschwindet das Land praktisch aus dem globalen Internet-Routing. Von außen ist das Land dann nicht mehr erreichbar, und von innen können keine Verbindungen nach außen aufgebaut werden.

Weitere technische Erklärungen

Detaillierte technische Analysen zum kompletten Shutdown im Iran finden sich unter anderem bei:

Andere technische Methoden

Neben BGP-Manipulation gibt es weitere technische Methoden:

Deep Packet Inspection (DPI): Regime können Datenpakete analysieren und gezielt blockieren, ohne das gesamte Internet abzuschalten. Diese Methode ist selektiver, aber technisch aufwendiger.

DNS-Manipulation: Durch das Blockieren oder Umleiten von DNS-Anfragen können bestimmte Websites unerreichbar gemacht werden, ohne das gesamte Internet abzuschalten.

Physische Abschaltung: Die drastischste Methode ist das physische Abschalten von Internetkabeln oder Routern. Dies ist jedoch selten, da es auch die Kontrolle des Regimes über die Infrastruktur beeinträchtigt.

Technische und politische Voraussetzungen

Internetabschaltungen erfordern sowohl technische Infrastruktur als auch politische Kontrolle. Einige autoritäre Regime arbeiten an vollständig kontrollierten, zensierten und überwachten nationalen Netzen, in denen es nur partiell und restriktiv Zugang zum Internet gibt. Mit solchen Netzen können Behörden- und Wirtschaftsabläufe oder Online-Shopping weitergehen, während die Inhalte und Kommunikation der Bevölkerung zensiert, kontrolliert und gedrosselt werden können.

Technologisch hat bislang nur China ein solches abgeschottetes und vollkommen kontrolliertes Netz vollständig umsetzen können. Andere Staaten wie Russland oder Iran arbeiten an solchen Netzen.

Die Kosten der Abschaltung

Aufgrund der weltweit fortschreitenden Digitalisierung und den zunehmenden gesellschaftlichen, sozialen, wirtschaftlichen und institutionellen Abhängigkeiten von der Verfügbarkeit digitaler Kommunikation sind Internetabschaltungen aus Sicht des unterdrückenden Regimes immer nur letztes Mittel. Weil das Leben und wirtschaftliche Tätigkeiten quasi zum Erliegen kommen, sind die Kosten kompletter Abschaltungen sehr hoch.

Deswegen greifen Regime oft zu regionalen und temporären Teilabschaltungen oder zur Abschaltung bestimmter Kommunikationsdienste. Die Balance zwischen Kontrolle und wirtschaftlicher Funktionsfähigkeit ist schwierig.

Was hilft dagegen?

Gegen Internetabschaltungen gibt es verschiedene technische Gegenmaßnahmen, die jedoch alle ihre Grenzen haben:

Mesh-Netzwerke

Mesh-Netzwerke können lokale Kommunikation ermöglichen, auch wenn das Internet abgeschaltet ist. Allerdings sind sie technisch anspruchsvoll und können von Behörden geortet werden, was für die Teilnehmer gefährlich sein kann.

Tor und VPN

Tor und VPNs können helfen, Zensur zu umgehen, aber nur, wenn es noch irgendeine Form von Internetverbindung gibt. Bei kompletter Abschaltung helfen sie nicht.

Satelliteninternet

Starlink und ähnliche Dienste bieten eine Alternative, die unabhängig von lokalen Netzen funktioniert. Allerdings können Regime versuchen, diese Dienste zu stören oder zu blockieren, wie im Iran geschehen.

Physische Infrastruktur

Die härteste Form der Abschaltung – das komplette Abschalten aller Internetverbindungen – kann nur durch physische Infrastruktur umgangen werden. Das ist jedoch extrem schwierig und gefährlich.

Die politische Dimension

Internetabschaltungen sind nicht nur ein technisches Problem, sondern vor allem ein politisches. Sie zeigen, wie autoritäre Regime moderne Kommunikationstechnologien nutzen, um die Bevölkerung zu kontrollieren und zu unterdrücken.

Die zunehmende Zahl von Internetabschaltungen weltweit zeigt, dass diese Methode der digitalen Unterdrückung immer häufiger eingesetzt wird. Von 78 Abschaltungen im Jahr 2016 auf 296 im Jahr 2024 – das ist eine Verdreifachung in weniger als einem Jahrzehnt.

Die Entwicklung ist besorgniserregend: Während das Internet ursprünglich als dezentrales, zensurresistentes Netzwerk konzipiert war, zeigen die Realitäten, dass autoritäre Regime Wege gefunden haben, es zu kontrollieren und abzuschalten.

Die Frage ist nicht mehr, ob Staaten das Internet abschalten können, sondern wie lange sie es durchhalten können und welche Gegenmaßnahmen effektiv sind.